Katrina

Wie das eigentlich alles begonnen hat und wie ich zu „Katrina“ wurde

Mit 17 reiste ich – im Schlepptau meiner reisewütigen Mutter – zum ersten Mal nach Israel. Ich war „jung und unschuldig“. Ich pflückte Äpfel auf den Plantagen eines Kibbutz. Wir reisten herum: Nazareth, Jerusalem, Betlehem. Ein junges Mädchen, zum ersten Mal fort aus Europa. Fahrt durchs judäische Hügelland nach Jericho. Staunend klebe ich am Fenster des Busses und atme die vielen Eindrücke ein.

Da! Die Zelte der Beduinen! Eine Frau, die einen Esel neben sich führt und ein Häuflein Schafe vor sich her treibt. Wind zerrt an ihrem langen schwarzen Gewand. Ein Bild wie aus einem Traum. Wie eine alte Erinnerung. Halt an! Möchte ich dem Fahrer zurufen, möchte aus dem Bus springen, möchte zu dieser Frau und ihren Tieren gehen. Möchte mit ihr zu ihrem Zelt gehen. Wer bist du? Wie lebst du hier? Mitten in der Wildnis zu Hause! Schon von klein auf zeigte ich heftiges Interesse an Lebensweisen anderer Menschen meiner Umgebung und Lebensweisen von Menschen fremder Völker.
So las ich schon früh populärwissenschaftliche ethnographische Bücher und besuchte zusammen mit meinem Vater solche Vorträge. Ich hatte nie einen anderen Traum, als den, selbst einmal Menschen fremder Völker kennenzulernen. Ich wollte unbedingt zu den Indianern gehen. Nach dem Abitur reiste ich zunächst nach Indien und Nepal und lebte dann für ein Jahr als Au-Pair in Jerusalem. Nach meiner Rückkehr begann ich an der Münchener Universität mit dem Studium der Völkerkunde. Dort traf ich Baruch, einen Israeli. Er erzählte von den Beduinen auf der Sinai-Halbinsel. Er konnte ihre Sprache und reiste jedes Jahr mit ihnen in der Wüste umher. Er zeigte uns Bilder. Er kannte einen gewissen Sliman und seine Familie.

Ich sah darin meine große Chance und bat Baruch, mich in den Sinai mitzunehmen und mich der Familie dieses Sliman vorzustellen. In den Semesterferien 1991 reisten wir als vier-köpfiges Grüppchen in den Sinai und durchquerten zehn Tage lang zusammen mit Beduinen auf Kamelen die Wüste. Es war für mich wie eine Offenbarung. Baruch nimmt mich mit zu Slimans Familie. Sie wohnt in einer Oase in einem kleinen Häuschen aus Naturstein. Ein bisschen arabisch kann ich. „Ich möchte eure Sprache und Kultur kennen lernen“, sage ich. Baruch hilft mir und erklärt den Leuten, was ich will.

„Willkommen“, sagt sie, Umm Muhammad, „ahlan wa sahlan! Du kannst bei uns bleiben.“

Baruch und die anderen reisen ab. Ich bleibe alleine in der Oase.

Im Dorf wollen sie mir einen neuen Namen geben und schlagen vor: Fatma. Ich will das nicht, ich finde meinen Namen gut. Jeder kennt Katrin, weil es den berühmten Ort St. Katherine gibt, benannt nach der heiligen Katharina von Alexandria. Sie machen aus Katrin kurzerhand „Katrina“, mit langem „i“. So klingt mein Name ähnlich wie die häufigen Namen Saliima oder Kariima und jeder kann ihn mühelos aussprechen.

Ich wurde also zu „Katriina“ und im Laufe der Jahre begannen auch meine Freunde daheim mich so zu nennen.

Nach einiger Zeit sagte Sliman zu mir: „Hör mal, Katrina, du bist jetzt wie meine Tochter. Du kannst mich fortan ‚Vater’ nennen und wann immer du etwas brauchst, dann sagst du es mir. Du bist immer in meinem Haus willkommen. Mein Haus ist dein Haus. Geniere dich nicht!“ Auch Ida, Umm Muhammad, seine Frau sagte: „Fühle dich hier bei uns wie daheim. Wenn du Lust hast, Tee zu kochen, dann nimm die Kanne und fülle sie mit Wasser, mach ein Feuer an und koche dir Tee. Mein Haus ist dein Haus!“

Die ganze Zeit über kritzelte ich meine Notiz- und Tagebücher voll und machte Tonaufnahmen mit meinem kleinen Rekorder. „Komm wieder!“ sagten sie zum Abschied. Ich kam wieder. Jedes Jahr blieb ich mehrere Wochen oder Monate, je nachdem, wie mein Studium es mir erlaubte. Die arabische Grammatik, die ich an der Universität lernte war mir eine große Hilfe beim Erlernen des Dialekt der Mzayna und von Jahr zu Jahr verstand ich mehr und konnte mich besser ausdrücken.

Papa Sliman zeigte mir sein ganzes Land und erklärte mir, wie die Beduinen in der Wüste überleben. Er sprach davon, wie das Leben früher war. Er zeigte mir Brunnen, Zisternen und Vorratshöhlen, erklärte mir die Pflanzen und die Tiere und die Namen der Täler und Berge. Jedes Eck hat einen Namen. Er erzählte mir von früher, nahm mich überall hin mit und zeigte mir zauberhafte Orte. Ich lernte Slimans ganze Großfamilie und unzählige andere Leute kennen. Mit den Frauen und Mädchen ging ich auf die Weide und lernte von ihnen den Umgang mit den Tieren und das Verarbeiten der Milch. Auch mit ihnen kam ich immer wieder in neue schöne Gegenden, in Schluchten und Täler, auf Tafelberge und Sandsteingebirge und zu verborgene Wasserstellen. Ich erlebte mit ihnen das „Leben hinter dem Schleier“…

Der Vorschlag, Kameltouren zu unternehmen kam von Sliman. Nach dem Abschluss meines Studiums führte ich 1999 zum ersten Mal eine Gruppe durch die Wüste. Bis heute unternehme ich zusammen mit Sliman und seinen Söhnen, die inzwischen groß geworden sind Kameltouren. Und was es sonst noch alles zu erzählen gibt kommt vielleicht eines Tages in ein dickes Buch. Zwei Bücher habe ich über das Leben in der Wüste und die Kultur der Beduinen veröffentlicht:

Kleiner Sinaibegleiter – In der Wüste: Pflanzen, Tiere, Beduinen

Mzayna Beduinen im Sinai – von alten und neuen Tagen