Beduinen

Seit 1991 lebe ich jedes Jahr für mehrere Wochen oder Monate bei den Beduinen im Sinai. Ich habe ihre Sprache gelernt, einen arabischen Dialekt. In unzähligen Gesprächen mit den Menschen habe ich ihre Kultur kennengelernt und stets versucht, Antworten auf meine Fragen zu finden. Ich bin immer als „Teilnehmender Beobachter“ dabei – so nennen wir Ethnologen es – und habe mich bemüht, ihre Wahrnehmung und ihre Interpretation der Welt zu verstehen. Zu Hause las ich fast alles, was man an Büchern und Aufsätzen über diese Menschen und ihr Land finden kann.

Ich habe zwei Bücher zur Kultur der Beduinen veröffentlicht

Fragen, die ich immer wieder höre:

wie bist du in den sinai gekommen?

wer sind denn eigentlich die beduinen?

Die Bezeichnung „Beduine“ verweist auf einen Lebensraum, die badya, die Wüste, bzw. ihre steppenartigen Randzonen. Allerdings bezeichnen die Beduinen selber sich oft gar nicht so, sondern eher als Araber („´arab“). „Araber“ ist die Selbstbezeichnung der Mzayna und anderer Stämme und bezieht sich auf die Abstammung.

Als „Ägypter“ bezeichnet man natürlich alle Staatsbürger Ägyptens und das sind die Beduinen auch, allerdings muss man unterscheiden: Diejenigen, die keinen Stammesgruppen angehören bezeichnen sich selber grundsätzlich als Ägypter, das ist ihre Identität. Die Beduinen dagegen identifizieren sich über ihre Abstammungsgruppe (Ich bin ein Mzayni oder Ich bin ein Tarbani usw.) und sehen sich erst in einem zweiten Schritt und nur verwaltungsmäßig als Ägypter. Im Sinai (und in meinen Texten) sind mit dem Begriff Ägypter die nicht-beduinischen Ägypter gemeint. Im Sinai sind das meist Männer, die in den Hotels und als Staatsangestellte arbeiten. Sie leben erst seit den 1980er Jahren dort, nachdem der Sinai als Tourismusland entdeckt wurde und seine Vermarktung begann. Viele sind nur zum Arbeiten da und leben ansonsten in den Städten am Nil.

Die Beduinenstämme, die schon seit mehreren Jahrhunderten im Sinai leben sehen sich als Ureinwohner. Jeder Stamm ist zu einer anderen Zeit eingewandert und hat seine eigene Geschichte.

leben die noch im zelt?

Die meisten Beduinen haben heute feste Häuser, also Häuser aus Zement mit einem regendichten Dach. Manche leben in Wellblechhütten und nur noch sehr wenige im Zelt.

Das traditionelle Beduinenzelt war aus Ziegenhaar und Schafswolle gewebt, daher nannte man es „Haar-Haus“. Heute macht sich fast niemand mehr die mühsame Arbeit, die Tiere zu scheren und das Haar zu verarbeiten, zu spinnen und zu weben. Wer heute ein Zelt haben möchte näht es aus alten Mehlsäcken und allen möglichen Stoffplanen und alten Kleidungsstücken zusammen. Gutes Material dafür finden die Frauen auf den Müllplätzen.

Wenn es geregnet hat ziehen auch heute noch viele Familien auf die Weidegebiete und leben dort in solchen („modernen“) Zelten.

Man kann entlang der Teerstraßen oft kleine Dörfer sehen, deren Häuser alle einheitlich gebaut sind. Es handelt sich um Hilfsgelder vom World Food Programme, der Europäischen Union u.a.

wovon leben die beduinen?

Stellt man einem Beduinen diese Frage, wird er ganz sicher antworten: kullo min rabbna – alles kommt von unserm Herrn. Man denkt weniger in der Kategorie „Arbeit und Lohn“, sondern man hält nach Möglichkeiten Ausschau, Lebensunterhalt zu finden.

Die meisten Männer spezialisieren sich traditionellerweise nicht so sehr, sondern sind eher Allround-Genies. Sie verstehen gleichermaßen etwas von Tierzucht, Fischfang, Gartenbau und Kohleherstellung und sie können ihre Jeeps meist selber reparieren. Manche arbeiten selbständig als Händler. Die meisten Männer finden Arbeit im Tourismus als Führer, Fahrer, Koch, durch den Verleih von Kamelen, aber auch im Bereich des Tauch-Tourismus (zum Beispiel als Tauchlehrer). Sie betreiben Cafes, Camps, Hotels.

Frauen verkaufen Handarbeiten an Touristen oder haben einen kleinen Bewirtungsbetrieb. Die Frauen kümmern sich um die Herden (Ziegen und Schafe) und gehen auch fischen. Sie fangen in Ufernähe mit der Angelschnur Fische und mit Stangen Tintenfische und durch Einsammeln Muscheln (für den Eigenbedarf). Viele Leute kultivieren Gärten. Manche Frauen erwirtschaften ein wenig Geld durch Näharbeiten oder gehen putzen.

Einige haben das Glück, in Handarbeitsprojekte eingebunden zu sein, die sich um die Vermarktung der Waren (in Kairo oder im Ausland) kümmern. Sie bekommen das Material für Taschen, Tücher oder Schmuck gestellt, also Rohlinge, buntes Garn, Glasperlen. Sie besticken z.B. Textilien kunstvoll und in Anlehnung an traditionelle Arbeiten, aber auch mit Phantasie.

Viele Frauen (weniger Männer) gehen oft wochenlang oder dauerhaft zu den Müllhalden der Städte. Auf diesen Müllhalden wird fast alles recyclet, was von den Hotels und Haushalten ankommt. Ägypter sammeln Metall, Glas, Plastik und ähnliches, die Frauen schauen nach Textilien, Nützlichem für Haus und Hof und vor allem nach Futter für ihre Tiere. Sie trocknen Küchenabfälle in der Sonne und sammeln das Futter in Säcken.

Einige Frauen arbeiten heute als Kindergärtnerinnen oder geben Alphabetisierungskurse. Einige wenige studieren Krankenpflege, Wirtschaft oder Jura und arbeiten dann in ihrem Beruf. Es gibt auch mindestens eine Politikerin. Die meisten Leute sind sehr flexibel und arbeiten nicht nur eine Sache.

Es sind vor allem die Mädchen, die davon träumen oder darauf hoffen, studieren zu können und einen Beruf zu ergreifen. Die meisten möchten als Lehrerin, Krankenschwester oder Ärztin arbeiten. Allerdings entspricht das ganz und gar nicht dem traditionellen Frauenbild der Beduinen. Der Platz der Frau ist dort im Haus, am Herd und bei den Kindern.

Alte, kranke und behinderte Menschen werden von Angehörigen der Großfamilie mitversorgt. Die Solidarität innerhalb des Stammes ist enorm groß und gegenseitige Hilfe ist selbstverständlich.

Die Beduinen als Gruppe sind auch Empfänger von Hilfsgeldern, Spenden, Investitionen und anderen Zuwendungen.

was bedeutet „frühlingsweide“?

Wenn man vom Frühling spricht, vom rabi´a dann beginnen, die Augen zu leuchten. Jeder Beduine hat Sehnsucht nach dieser Zeit und in früheren Tagen war sie überlebenswichtig.

Es regnet im Sinai nicht jedes Jahr. Nur wenn es im Winter geregnet hat kann man sagen, dass es überhaupt einen Frühling gibt.

Dort, wo in der kälteren Jahreszeit Regen gefallen ist – zwischen Oktober und April – wachsen die guten Kräuter her, die Mensch und Tier so lieben. Dort entstehen die Weidegebiete. Man lässt die Kräuter für einige Wochen oder Monate herwachsen und begibt sich dann samt Zelt und Herde in diese Gegenden.

Das ist bis heute so. Früher ging man natürlich zu Fuß und Kamele trugen das Zelt, das Gepäck und auch die kleinen Kinder. Heute lädt man meist alles in Jeeps und karrt sogar oft die Herden (Ziegen und Schafe) in Fahrzeugen in die Weidegebiete.

Dort schlägt jede Familie ihr Zelt LINK zu „Leben die noch im Zelt?“ auf. Tagsüber treiben die jungen Frauen und Mädchen die Herden mit den erwachsenen Tieren in die umliegenden Täler oder Berge – dorthin, wo die besten Kräuter wachsen. Die frisch geworfenen Jungtiere, die noch gesäugt werden bleiben in der Nähe des Zeltlagers. Morgens und abends werden die Muttertiere gemolken. Ein Teil der Milch wird gleich getrunken, während der Rest zu Kochbutter, Sauermilch und einer Art Hartkäse verarbeitet wird. Die Butter und der Käse sind auch ohne Kühlschrank monatelang haltbar.

haben sie handies und computer?

Das Mobiltelefon ist aus der beduinischen Welt heute gar nicht mehr wegzudenken.

Dieses Gerät kommt der Kultur dieser Menschen sehr entgegen, denn sie haben traditionell ein hohes Bedürfnis nach Mobilität, Flexibilität und Kommunikation. Das Ganze ohne Kabel haben zu können ist genau das, was sie brauchen! Die Handy-Türme stehen entlang der Straßen und haben teilweise eine große Reichweite. Zum modernen Wissen der Beduinen gehört es, genau zu wissen, wo es Empfang gibt. Das kann in einem Tal an einem ganz bestimmten Felsen oder Ginsterbusch sein oder das kann auf einem bestimmten Hügel sein. Das Bedürfnis, Mobiltelefone zu benützen ist inzwischen so groß, dass es Beduinenfrauen geben soll, die es ablehnen, auf ein super Weidegebiet mit tollem Kräutervorkommen zu gehen mit der Begründung, dass es dort keinen Handy-Empfang gibt.

Die junge Generation in den Städten nützt Computer, um ins Internet zu gehen, Musik herunterzuladen, Spiele zu spielen, Filme zu produzieren oder für ein Fernstudium. Viele sind bei facebook.

gehen die in die schule?

Alle Beduinenkinder haben wie jedes ägyptische Kind Schulpflicht. Tatsächlich besuchen die meisten Beduinenkinder Grundschulen, welche es selbst in abgelegenen Dörfern gibt. Für die höheren Schulen muss man in die Stadt gehen. Kinder vom Land wohnen oft bei Verwandten in der Stadt, um dort die Schule zu besuchen.

In den Schulen geht es weniger darum, die Kinder zu selbständig denkenden oder gar kritischen Menschen zu erziehen, vielmehr werden Dinge auswendig gelernt. Wie in vielen südlichen Ländern sin die Lehrergehälter miserabel, daher halten die Lehrer den Unterricht absichtlich etwas kurz, damit die Eltern ihre Kinder gegen Geld (beim Lehrer) zum Nachhilfeunterricht schicken müssen.

sind die beduinen muslime?

Ja, alle Beduinen sind Muslime. Die Dschabaliya-Beduinen in und um St. Katherine, die eine ganz andere Abstammungsgeschichte haben als die anderen Stämme sollen ursprünglich Christen gewesen sein und den Islam erst im Laufe der Jahrhunderte angenommen haben.

Die meisten Beduinen verrichten die fünf täglichen Pflichtgebete und halten das Ramadan-fasten ein. Viele gehen auf die Pilgerfahrt nach Mekka, die für jeden Muslim verpflichtend ist. Diese Reise, die hadsch, ist extrem teuer, doch stetes Sparen ermöglicht es auch sehr armen Leuten, diesen Traum zu verwirklichen.

Die Beduinen im Sinai sind Sunniten, ohne dass sie das selbst so von sich sagen würden. Erst in jüngster Zeit und durch die Agitationen des „IS“ beginnt man, schlecht über die Schiiten zu reden, von denen es in Ägypten nur wenige gibt. Es kam in den letzten Jahren zu Angriffen auf Schiiten, dabei gab es auch Tote, allerdings nicht im Südsinai.

gibt es dort versicherungen?

Verkehrsunfall

Katrina: Wie ist es denn neulich zu dem Unfall gekommen?

Ahmad: Ich stand mit meinem Kleinbus am Rand der Straße. In dem Moment als ich los fahren wollte kam von hinten ein Fahrzeug und fuhr in mich rein.

Katrina: Gab es einen großen Schaden?

Ahmad: Ja, ich hatte eine teure Reparatur.

Katrina: Und wer zahlt dafür?

Ahmad: Natürlich ich.

Katrina: Aber der andere ist doch in dich reingefahren. Bei uns in Deutschland gibt es da eine Versicherung.

Ahmad: …ja, bei euch in Deutschland! Hier gibt es das nicht.

Katrina: Kann man denn sagen, wer Schuld war?

Ahmad: Wichtig ist doch, dass niemand verletzt wurde – alhamdulillah! Lob sei Gott!

Katrina: Ja, aber wenn man sagen könnte, der andere war Schuld….?

Ahmad: Er ist ja nicht absichtlich in mich reingefahren. Wir sind froh, dass niemand verletzt wurde, alhamdulillah!

Die beste Versicherung ist immer noch ein guter Ruf. Egal, was einem zustößt: wenn man selber als hilfsbereiter Mensch bekannt ist werden die anderen Menschen einem sofort helfen, wenn man in Not ist, zum Beispiel nach einem Unfall, wenn das Haus oder Zelt abgebrannt ist, wenn man krank ist, wenn man dringend Geld braucht.

Do ut des: Gib und dir wird gegeben. Nach diesem alten Prinzip lebte man immer und jeder Besucher aus Europa bewundert die oft übergroße Gastfreundschaft, Freigebigkeit und Großzügigkeit vieler Menschen dort. Den Nutzen hat man nicht nur hier, wenn andere einem helfen, weil man selbst hilfsbereit ist: auch im Jenseits gibt es dafür großen Lohn.

wie sehen D I E eigentlich U N S?

Die Ausländer liegen halb-nackt in der Sonne. Sie kennen keine Scham. Anstatt glücklich zu sein über ihre schöne weiße Haut legen sie sich in die pralle Sonne und sehen danach aus wie gegrillter Hummer. Daheim sehen sie die Sonne nur selten.

Sie sprechen seltsame Sprachen, trinken Tee ohne Zucker oder gar keinen. Obwohl sie doch im Urlaub sind haben sie immer Zeitdruck. Sie wollen immer alles fotografieren. Sie haben Geld, aber wollen es nicht ausgeben.

Mann und Frau kann man oft gar nicht unterscheiden.

Die Frauen sind ganz alleine unterwegs. Niemand passt auf sie auf oder beschützt sie.

Daheim haben die Europäer große Häuser und Autos.

Die Beduinen wissen, dass europäische Touristen sich am Strand entspannen wollen und meistens Ruhe suchen. Sie wissen, was viele Europäer in die Wüste führt: spirituelle Suche, Abstand zu Problemen, die man daheim hat und Suche nach einer Lösung. Suche nach dem Fremden und Exotischen, aber auch nach dem Einfachen, Ursprünglichen und Authentischen. Das Erleben der Natur. Der Sternenhimmel.

Auf viele Fragen finden Sie Antwort im Kleinen Sinai-Begleiter

Einige wichtige Ausdrücke

Bismillah: Im Namen Gottes

Für die Beduinen spielt der Islam eine wichtige Rolle. Die Gott ergebene Haltung spiegelt sich in vielen kleinen, aber bedeutsamen Worten wider. Vor vielen Handlungen sagt man: bismillah, also: „Im Namen Gottes“. Zum Beispiel vor dem Wasser trinken, beim Beginn des Essens, vor Beginn einer Arbeit, im Auto beim Antritt einer Fahrt oder wenn ein Tier geschächtet wird: alle diese Handlungen führt man im Namen Gottes aus.

Nach der Handlung sagt man alhamdulillah, „Lob sei Gott“.

Alhamdulillah: Lob sei Gott

Auf die Frage nach dem Befinden antwortet man eigentlich immer mit „Lob sei Gott“. Man soll Gott immer loben und ihm danken, auch wenn er ein schlimmes Schicksal für einen vorgesehen hat. Ich war zufällig bei meiner Adoptiv-Schwester Malka über Nacht, als ihr Säugling den plötzlichen Kindstod starb. Ich saß neben ihr, als sie – mit den Tränen kämpfend – rief: „Lob sei Gott! Er ist allmächtig. Er hat mir das Kind genommen. Aber er war es auch, der es mir gegeben hat, al-hamdulillah!

Inshallah, Wenn Gott will

Diese Formel kann anstelle von „ja“ oder „nein“ benutzt werden. Zum Beispiel wenn es um eine Verabredung geht. Man bemüht sich durchaus, zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten zu Ort sein, weiß aber nie, ob es Gottes Wille ist, dass man ankommt. Ein Mensch kann nie sagen: „Ich komme morgen Früh ganz sicher bei dir vorbei“, da es nicht in seiner Hand liegt, ob er das Vorhaben ausführen kann. inshallah ist Zeichen der absoluten Ergebenheit in Gottes Willen und die Anerkennung des Umstandes, dass nicht der Mensch Herr seines Schicksals ist.

Wenn jemand mich einlädt, den ich gar nicht besuchen will kann ich trotzdem sagen: „Inshallah“ – das ist höflicher, als direkt zu sagen, dass man nicht kommen will.

Allahu a’alam: Gott weiß es besser.

Das sagt man, wenn man eine Frage nicht beantworten kann. Oder wenn man sich in einer Sache ziemlich sicher ist, aber doch nicht 100 %. Man will damit ausdrücken: Gott selbst ist der Einzige, der etwas zu 100% wissen kann.

Yallah! Hopp hopp! Auf geht’s! Mach schon!

Yallah ist ein Ruf der Ungeduld. Häufig sind es Mütter, die ihre Kinder zu etwas anspornen oder genervt sind, weil sie etwas schon zehnmal gesagt haben, ohne dass eine Reaktion erfolgt ist. Wenn man aufbrechen will und einer, auf den man wartet nicht kommt ruft man yallah!

Aber auch in einem anderen Zusammenhang wird es benützt. Zum Beispiel, wenn man etwas gerne haben will, es einem aber nicht zugestanden wird, z.B. von der Familie oder von der Regierung und wenn man seine Resignation ausdrücken will. Hier bedeutet yallah „Was soll’s? Wozu aufregen – ich kann eh nichts machen.“ Also: Ergebenheit ins Schicksal.